Wenn sich die Regeln ändern, ändert sich der Weg: Zwei Jahre EPROSA

Elf Stadtwerke, zwei Jahre Zusammenarbeit und ein regulatorischer Kurswechsel, den zu Beginn niemand vorhersehen konnt. Das EPROSA-Netzwerk zeigt, wie aus der Vorbereitung auf die verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung ein gemeinsamer Weg zu mehr Transparenz, strukturierten Nachhaltigkeitsdaten und freiwilliger Berichterstattung wurde.

Anfang 2025 starteten elf Stadtwerke aus Sachsen und Brandenburg gemeinsam in das Netzwerk zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Ausgangslage schien klar: Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) würde die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung erheblich erweitern. Für die beteiligten Unternehmen galt es deshalb, sich frühzeitig auf eine Berichterstattung nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) vorzubereiten. Das Ziel war ambitioniert und zugleich konkret: Elf Stadtwerke sollten auf dem Weg zu ihrem eigenen ESRS-Nachhaltigkeitsbericht begleitet werden. Gemeinsam mit Texulting begann deshalb eine Workshopreihe, die zunächst die Grundlagen für diesen Weg schaffen sollte. Regulatorische Anforderungen mussten verstanden, Prozesse aufgebaut, Verantwortlichkeiten definiert und eine Datengrundlage geschaffen werden. Ein wichtiger Baustein waren die Wesentlichkeitsanalysen. Welche Nachhaltigkeitsthemen sind für das jeweilige Unternehmen relevant? Wo bestehen Auswirkungen, Risiken und Chancen? Welche Informationen liegen bereits vor und welche müssen künftig systematisch erhoben werden?

Was zu diesem Zeitpunkt niemand wissen konnte: Noch während die Unternehmen an diesen Fragen arbeiteten, sollten sich die regulatorischen Rahmenbedingungen grundlegend verändern.

Und dann kam der Omnibus

Im Februar 2025 stellte die Europäische Kommission ihr sogenanntes Omnibus-Paket als Verordnung vor. Damit begann eine weitreichende Neuordnung der europäischen Nachhaltigkeitsregulierung.

Die Stadtwerke befanden sich bereits mitten in der Vorbereitung auf die CSRD und die ESRS. Daten waren erhoben, Wesentlichkeitsanalysen begonnen oder abgeschlossen, Verantwortlichkeiten geschaffen und erste Strukturen für die Berichterstattung aufgebaut. Alles, um bereits Anfang 2026 für 2025 einen prüfbaren Bericht vorweisen zu können.

Nun zeichnete sich ab, dass viele der beteiligten Unternehmen künftig nicht mehr unmittelbar unter die Berichtspflicht fallen würden. Plötzlich stand eine zentrale Frage im Raum: „Was passiert mit all der Arbeit, wenn der ursprünglich geplante Bericht nicht mehr verpflichtend erstellt werden muss?“

Für uns war schnell klar: Die Antwort konnte nicht darin bestehen, das bisher Erarbeitete zur Seite zu legen und wieder bei null anzufangen. Statt den Prozess abzubrechen, haben wir gemeinsam mit den Stadtwerken den Kurs angepasst. Der Beratungsschwerpunkt verlagerte sich von der verpflichtenden ESRS-Berichterstattung hin zur freiwilligen Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem VSME – dem freiwilligen Nachhaltigkeitsstandard für kleine und mittlere Unternehmen. Damit änderte sich zwar der Berichtsrahmen. Ein großer Teil der zuvor geleisteten Arbeit blieb jedoch wertvoll.

Bereits erhobene Nachhaltigkeitsinformationen konnten weiterverwendet werden. Verantwortlichkeiten und Datenquellen waren identifiziert. Wesentliche Nachhaltigkeitsthemen waren bekannt. Und auch Fragestellungen rund um Energie- und Ressourcenverbräuche, Treibhausgasemissionen, klimabezogene Risiken, Mitarbeitende oder Unternehmensführung verschwanden mit der veränderten Regulatorik nicht.

Aus einem ursprünglich regulatorisch getriebenen Projekt entwickelte sich damit zunehmend ein Prozess, bei dem eine andere Frage in den Mittelpunkt rückte: „Welche Nachhaltigkeitsinformationen sind für unser Unternehmen eigentlich wirklich relevant?“

Zwei Jahre in Zahlen

Nach zwei Jahren gemeinsamer Arbeit lässt sich die Entwicklung des Netzwerks auch in Zahlen ablesen:

11

Stadtwerke

arbeiteten gemeinsam an ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung.

16

Workshoptage

fanden während der Netzwerklaufzeit statt mit 23 Workshops innerhalb der Tage.

100 %

Wesentlichkeit

100 % der vorgesehenen Wesentlichkeitsanalysen wurden abgeschlossen.

66 %

Nachhaltigkeitsbericht

66 % durchschnittlicher Fertigstellungsgrad hatten die VSME-Berichte zum Zeitpunkt der Abschlussveranstaltung erreicht.

Hinzu kamen Arbeiten an Treibhausgasbilanzen, die Analyse klimabezogener Risiken, die Beschäftigung mit sozialen und Governance-Themen sowie der Aufbau von Datenstrukturen und Verantwortlichkeiten innerhalb der Unternehmen. Und natürlich: viele Diskussionen über Datenpunkte, Kennzahlen, Scope 3 und die Frage, wo im Unternehmen die benötigten Informationen eigentlich zu finden sind. Doch gerade diese Diskussionen waren ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses. Denn der Nutzen der gemeinsamen Arbeit lässt sich nicht allein daran messen, ob am Ende ein fertiges PDF auf einer Website veröffentlicht wird.

Die systematische Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsberichterstattung hat in den Unternehmen sichtbar gemacht, welche Informationen bereits vorhanden sind, wo Datenlücken bestehen und welche Themen bislang zwar bearbeitet, aber noch nicht miteinander verknüpft wurden.

Wer verantwortet beispielsweise Energieverbrauchsdaten? Wo liegen Informationen zu Mitarbeitenden vor? Welche bestehenden Projekte zahlen bereits auf Nachhaltigkeitsziele ein? Welche klimabezogenen Risiken können für das Unternehmen relevant werden? Und wie lassen sich Treibhausgasemissionen künftig systematisch erfassen?

Das bestätigt auch Lars Lange, Geschäftsführer der Stadtwerke Reichenbach im Vogtland, welcher im Rahmen des Netzwerks mit seiner Kollegin einen VSME-Nachhaltigkeitsbericht verantwortet hat:

„Die Erstellung unseres VSME-Nachhaltigkeitsberichts hat uns nicht nur beim Aufbau einer strukturierten Berichterstattung unterstützt, sondern auch neue Perspektiven eröffnet. Von der Analyse klimabezogener Risiken über die Ermittlung unserer Treibhausgasemissionen bis hin zur Verknüpfung bestehender Projekte konnten wir zahlreiche Nachhaltigkeitsthemen ganzheitlich betrachten. Die Zusammenarbeit mit der Firma Texulting, welche als Berater und Mentor uns über die zwei Jahre begleitete, war dabei professionell, praxisnah und von einem konstruktiven Austausch geprägt. Besonders wertvoll war die Erkenntnis, wie relevant transparente Nachhaltigkeitsinformationen künftig für Finanzierungs- und Unternehmensentscheidungen sein werden.“

Lars Lange, Geschäftsführer der Stadtwerke Reichenbach im Vogtland

Warum Nachhaltigkeitsinformationen auch ohne Berichtspflicht relevant bleiben

Gerade der letzte Punkt gewinnt für Stadtwerke an Bedeutung. In den kommenden Jahren stehen kommunale Versorger vor umfangreichen Investitionen, unter anderem in Netze, Wärmeversorgung, Erzeugungsanlagen und weitere Infrastruktur für die Transformation des Energiesystems. Damit steigt zugleich der Finanzierungsbedarf.

Bei der Abschlussveranstaltung des Netzwerks wurde deshalb auch die Rolle von Nachhaltigkeitsinformationen im Kontext zukünftiger Finanzierungen diskutiert. Denn unabhängig von einer unmittelbaren gesetzlichen Berichtspflicht können strukturierte Nachhaltigkeitsinformationen im Austausch mit Banken, Finanzierungspartnern, Geschäftskunden oder Unternehmen innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette relevant werden.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr ausschließlich:

„Müssen wir einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen?“

Sondern zunehmend:

„Welche Nachhaltigkeitsinformationen benötigen wir für unser Unternehmen und vielmehr welche Informationen werden künftig von uns erwartet?“

Ein freiwilliger Nachhaltigkeitsbericht hilft dabei, diese Informationen strukturiert zusammenzuführen und gegenüber unterschiedlichen Stakeholdern transparent darzustellen.

Der Mehrwert dieses einzigartigen Netzwerks

Das Netzwerk, welches von dem Verein eprosa ins Leben gerufen wurde, war dabei von Beginn an mehr als elf einzelne Beratungsprojekte. Ein wesentlicher Bestandteil war der Austausch zwischen den beteiligten Stadtwerken.

Denn obwohl sich Unternehmensgrößen, Strukturen und lokale Rahmenbedingungen unterschieden, waren viele Herausforderungen erstaunlich ähnlich: Wie organisieren wir die Datenerhebung? Wer ist intern für welche Informationen verantwortlich? Wie gehen wir mit fehlenden Daten um? Wie tief müssen einzelne Themen betrachtet werden? Und wie übersetzen wir regulatorische Anforderungen in einen praktikablen Prozess?

Statt diese Fragen elfmal unabhängig voneinander zu beantworten, konnten Erfahrungen miteinander geteilt, Vorgehensweisen diskutiert und Lösungen gemeinsam entwickelt werden.Gerade während der regulatorischen Veränderungen zeigte sich der Wert dieses Ansatzes. Neue Entwicklungen mussten nicht von jedem Unternehmen allein interpretiert werden. Sie konnten gemeinsam eingeordnet und anschließend in die praktische Arbeit übersetzt werden.

Auch für uns bei Texulting war diese Zusammenarbeit ein besonderer Bestandteil des Projekts.

„Wir sind mit elf geplanten ESRS-Berichten gestartet und schließen das Netzwerk ohne einen einzigen ESRS-Bericht ab. Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich wirken, zeigt aber sehr gut, was in diesen zwei Jahren regulatorisch passiert ist. Entscheidend war für uns, die bereits geleistete Arbeit nicht zu verwerfen, sondern gemeinsam mit den Stadtwerken in einen sinnvollen freiwilligen Berichtsprozess zu überführen. Die Unternehmen verfügen heute über deutlich mehr Transparenz hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsdaten, Verantwortlichkeiten und Handlungsfelder als zu Beginn des Netzwerks. Besonders positiv bleibt für mich aber auch die Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerks in Erinnerung. Über zwei Jahre hinweg haben die Stadtwerke Erfahrungen offen miteinander geteilt, gemeinsam Lösungen entwickelt und auch schwierige regulatorische Veränderungen konstruktiv mitgetragen. Dieser Austausch zeigt, welche Macht am Ende in so einem Netzwerk steckt und das bei so komplexen Anforderungen.“

Marc Heinrich, Nachhaltigkeitsmanager bei Texulting

Der Abschluss nach zwei Jahren

Am 15. September 2026 kamen die Beteiligten noch einmal zur gemeinsamen Abschlussveranstaltung zusammen. Dabei ging es nicht nur darum, auf die Ergebnisse der vergangenen zwei Jahre zu schauen. Es ging auch um die Frage, was aus den aufgebauten Strukturen künftig wird.

Die Antwort darauf wird für jedes Stadtwerk etwas anders aussehen.

Einige Unternehmen werden ihre freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung fortführen. Andere werden zunächst einzelne Kennzahlen und Prozesse weiterentwickeln. Wieder andere werden die gewonnenen Informationen stärker für Finanzierungsgespräche, Strategieprozesse oder Anforderungen von Geschäftspartnern nutzen.

Regulatorische Rahmenbedingungen können sich ändern. Das haben die vergangenen zwei Jahre eindrucksvoll gezeigt und absehbar wird sich an dieser Dynamik in Zukunft erst einmal nichts ändern.

Wir sagen Danke.

Unser Dank gilt allen beteiligten Stadtwerken und Partnern, die das Netzwerk über zwei Jahre mit Leben gefüllt haben.

Danke für das Vertrauen, für offene Diskussionen, für den ehrlichen Erfahrungsaustausch und auch für die Bereitschaft, den gemeinsamen Kurs mehr als einmal an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Aus einer gemeinsamen Vorbereitung auf eine regulatorische Pflicht ist ein Netzwerk entstanden, das weit mehr hervorgebracht hat als Nachhaltigkeitsberichte.

Umso mehr denn je gilt: Nachhaltigkeit, die sich multipliziert und bewirkt Großes.

Gruppenbild der Abschlussveranstaltung Nachhaltigkeitsnetzwerk EPROSA