Was KMU und regionale Banken mitnehmen können
ESG-Daten fließen bereits in Kreditentscheidungen ein. Bei kleinen und mittleren Unternehmen fehlen jedoch häufig die Informationen, die eine individuelle Bewertung ermöglichen. Auf dem Sustainable Finance Gipfel 2026 wurde deutlich, warum belastbare Daten, Klimaanpassung und nachvollziehbare Investitionspläne für Unternehmen und ihre Finanzierungspartner zusammengehören.
Am 1. und 2. Oktober 2026 nahmen Dr. Franziska Lehmann und Prof. Markus Michael von Texulting am zehnten Sustainable Finance Gipfel in Frankfurt teil. Unter dem Motto „Nachhaltige Finanzierung: Brücke zwischen Finanz- und Realwirtschaft“ diskutierten die Teilnehmenden über Transformation, Klimarisiken, Naturabhängigkeiten und den Einsatz künstlicher Intelligenz. [1] Wir haben sieben Erkenntnisse zusammengestellt, die besonders für KMU sowie regional tätige Sparkassen und Genossenschaftsbanken relevant sind.
Eigene ESG-Daten ermöglichen eine individuellere Bewertung
Besonders aufschlussreich war der von Michael Sindram vorgestellte ESG-Daten Monitor 2026. In der Befragung von 154 Fachleuten aus Banken und Leasinggesellschaften geben 61 Prozent an, dass ESG-Daten bei KMU-Krediten teilweise oder immer entscheidungsrelevant sind. Fehlen Unternehmensdaten, greifen je nach Institutsgröße 89 bis 94 Prozent der Befragten auf Branchendurchschnitte zurück. [2]
Für ein Unternehmen kann das zum Nachteil werden: Ein Betrieb, der bereits energieeffizient produziert, Risiken systematisch reduziert oder seine Lieferkette gut kennt, kann diese Stärken ohne eigene Nachweise kaum in die Bewertung einbringen. Ein Branchendurchschnitt bildet die Besonderheiten des einzelnen Unternehmens nur begrenzt ab.
51 Prozent der Befragten berichten zudem von ESG-bedingten Kreditablehnungen oder signifikanten Auflagen im KMU-Geschäft. Das bedeutet nicht, dass die Hälfte aller KMU-Kredite betroffen ist. Die meisten dieser Befragten nennen einen Anteil von weniger als fünf Prozent der Kredite. [2] Die Ergebnisse zeigen dennoch: Nachhaltigkeit machen und Nachhaltigkeit zeigen sind auch im Finanzierungsgespräch zwei unterschiedliche Dinge. Eigene Daten schaffen eine bessere Gesprächsgrundlage. Sie garantieren weder eine Kreditzusage noch günstigere Zinsen.
VSME bietet einen Einstieg und braucht einen Blick auf den konkreten Datenbedarf
Ein weiterer Befund verdient eine genaue Einordnung: Nur sieben Prozent der Befragten halten das VSME-Basismodul für ausreichend, um physische Klimarisiken im Kreditportfolio angemessen zu bewerten. 57 Prozent können dies nicht beurteilen. Beim Zusatzmodul liegt der Anteil derjenigen, die es für ausreichend halten, bei 26 Prozent. Auch hier bleibt mehr als die Hälfte unentschieden. [2]
Die Frage bezog sich ausdrücklich auf physische Klimarisiken. Daraus lässt sich keine pauschale Aussage ableiten, dass das Basismodul für jeden Zweck ungeeignet wäre. Für Unternehmen, die ihren Bericht auch für Finanzierungsgespräche nutzen möchten, spricht der Befund aber dafür, frühzeitig die Angaben des Zusatzmoduls einzubeziehen.
Bei Texulting empfehlen wir deshalb, Basis- und Zusatzmodul gemeinsam zu betrachten und die relevanten Zusatzangaben aufzunehmen. Für eine standortbezogene Risikobewertung können darüber hinaus Informationen zu Betriebsstätten, Hochwasser- oder Hitzegefährdung, Schutzmaßnahmen und Versicherungsschutz nötig sein. Entscheidend ist, mit der Bank zu klären, welche Daten sie tatsächlich benötigt und wie vorhandene Nachweise genutzt werden können.
Regionale Banken müssen räumliche Konzentrationen besonders im Blick behalten
Die Beiträge von Olaf Sleijpen und Kamil Liberadzki machten die wirtschaftliche Bedeutung von Klimarisiken deutlich. Aus Sicht der Bankenaufsicht wirken sie auf bekannte Risiken wie Kredit- und operationelle Risiken und gehören deshalb in das reguläre Risikomanagement. [3]
Bei regionalen Instituten kann ein Hochwasser gleichzeitig mehrere finanzierte Unternehmen, Immobilien und die gemeinsam genutzte Infrastruktur treffen. Die Nähe zur regionalen Wirtschaft kann damit auch eine räumliche Risikokonzentration bedeuten. Eine Untersuchung zum Hochwasser 2013 zeigte bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken in betroffenen Regionen einen erhöhten, wenn auch vorübergehenden Wertberichtigungsbedarf. [4]
Eine geografisch breitere Verteilung kann solche Konzentrationen verringern. Ob ein Institut tatsächlich stärker gefährdet ist, hängt aber von seinem Portfolio, den Standorten, Schutzmaßnahmen und Absicherungen ab. Für KMU folgt daraus: Neben der eigenen Betriebsstätte gehören kritische Lieferanten, Verkehrswege sowie Energie- und Wasserversorgung in die Betrachtung. Für regionale Banken liegt eine Chance darin, ihre Ortskenntnis mit belastbaren Standortdaten zu verbinden und Anpassungsmaßnahmen gemeinsam mit ihren Kunden zu finanzieren.
Nachhaltigkeitsziele müssen in Investitionen und betriebliche Steuerung übersetzt werden
Adam Pradela zeigte am Beispiel der DHL Group, wie Nachhaltigkeitsziele mit Maßnahmenplanung, Finanzplanung und laufendem Monitoring verbunden werden. Charlotte Stange verdeutlichte bei Fresenius Medical Care den Zusammenhang zwischen Krisenmanagement, Klimaszenarien und langfristiger Widerstandsfähigkeit. [5] Die Präsentation zum Sustainability Transformation Monitor benannte zugleich eine Umsetzungslücke: Nur 15 Prozent der befragten Unternehmen verbinden Klimaziele und einen Transitionsplan mit einer Zielerreichung, die im Plan liegt. [6]
Für KMU heißt das: Eine Investition in effizientere Anlagen, alternative Energieversorgung oder Hochwasserschutz braucht eine nachvollziehbare Bewertung. Neben Anschaffungskosten und Amortisation zählen vermiedene Ausfälle, geringere Abhängigkeiten und gesicherter Marktzugang. Gerade diese längerfristigen Vorteile verschwinden leicht aus der Rechnung, wenn nur die kurzfristige Einsparung betrachtet wird. Eine konkrete Maßnahmen- und Investitionsplanung macht sie für Geschäftsführung und Finanzierungspartner besser greifbar.
Kreislaufwirtschaft verändert die wirtschaftliche Bewertung von Immobilien
Daniel Imhäuser stellte die Lebenszykluswirtschaftlichkeit in den Mittelpunkt: Zu den Investitionskosten kommen Nutzung und Rückbau, während ein möglicher Restwert abzuziehen ist. [7] Für Bauunternehmen, Immobilienunternehmen und ihre Banken ergibt sich daraus eine praktische Frage: Welche Lösung ist über die gesamte Nutzungsdauer wirtschaftlich? Wiederverwendung, Recyclingmaterialien und rückbaubare Konstruktionen sollten deshalb frühzeitig in die Planung einfließen. Ihre Wirtschaftlichkeit muss am konkreten Projekt geprüft werden.
Naturabhängigkeiten gehören zur Betrachtung unternehmerischer Risiken
Alexander F. Wagner unterschied zwischen den Auswirkungen eines Unternehmens auf die Natur und seiner Abhängigkeit von ihr. Wasserverfügbarkeit, Bestäubung oder natürlicher Hochwasserschutz können wirtschaftlich relevant sein. Die Beiträge von Jana Lessenich sowie Felix Gaschick und Julian Salg zeigten ergänzend Ansätze zur Finanzierung von Naturschutz und zum Transfer von Wissen in die Praxis. [8]
Für KMU lässt sich daraus ableiten, die eigenen Abhängigkeiten konkret zu prüfen: Wie stark benötigt der Betrieb Wasser, bestimmte Rohstoffe oder funktionierende Ökosysteme in seiner Lieferkette? Regionalen Banken hilft derselbe Blick, gemeinsame Abhängigkeiten mehrerer Kreditnehmer zu erkennen. Nicht jedes Unternehmen braucht dafür sofort ein umfangreiches Biodiversitätsmodell. Ein nachvollziehbarer Überblick über die wesentlichen Abhängigkeiten ist ein sinnvoller Anfang.
KI kann die Datenarbeit erleichtern und braucht nachvollziehbare Kontrollen
Sebastian Fritz-Morgenthal beschrieb Einsatzmöglichkeiten agentischer KI in Risiko-, Compliance- und ESG-Prozessen. Gleichzeitig betonte er Datenqualität, Modellvalidierung, klare Verantwortlichkeiten und nachvollziehbare Prüfpfade als Voraussetzungen. Veronika Pountcheva stellte bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung die Bedeutung vergleichbarer und entscheidungsnützlicher Informationen heraus. [9]
Für KMU und kleinere Banken liegt ein sinnvoller Einstieg in überschaubaren Anwendungen: vorhandene Dokumente auswerten, Angaben zusammenführen und fehlende Nachweise erkennen. Die fachliche Prüfung bleibt entscheidend. Automatisierung hilft dann, wenn Herkunft, Aktualität und Grenzen der Daten erkennbar bleiben.
Was wir für die Praxis mitnehmen
Für KMU ist ein guter nächster Schritt, vorhandene Nachhaltigkeitsinformationen zusammenzuführen, wesentliche Standort- und Geschäftsrisiken zu prüfen und geplante Maßnahmen mit Kosten, Nutzen und Verantwortlichkeiten zu hinterlegen. Im Gespräch mit der Hausbank lässt sich anschließend klären, welche Angaben in die individuelle Bewertung einfließen.
Regionale Banken können diesen Prozess unterstützen, indem sie ihren Datenbedarf verständlich erklären, vorhandene Berichte nutzen und unternehmensspezifische Informationen in ihre Bewertung einbeziehen. So wird aus der Datenabfrage ein Gespräch über die Zukunftsfähigkeit des Betriebs und die Finanzierung konkreter Vorhaben.
Texulting unterstützt Unternehmen beim Aufbau belastbarer Nachhaltigkeitsdaten, bei der Berichterstattung und bei der Ableitung umsetzbarer Maßnahmen. Mit regionalen Finanzinstituten arbeiten wir daran, diese Informationen für die Bewertung ihrer Firmenkunden nutzbar zu machen.
Quellen
[1] Frankfurt School Forum: Sustainable Finance Gipfel 2026, Veranstaltungsprogramm für den 1. und 2. Oktober 2026. https://forum.frankfurt-school.de/konferenzen/sustainable-finance-gipfel-26/
[2] Michael Sindram: ESG-Daten Monitor 2026, Vortrag vom 2. Oktober 2026, PDF-Seiten 3, 8–13 und 19. Autoren der Studie: Sebastian Rink, Maurice Dumrose, Michael Sindram und Heimo Saubach. Ergänzend: openESG, ESG-Daten Monitor 2026: Banken bewerten KMU meist nach Branchenwerten, 2. Oktober 2026. https://www.openesg.de/neuigkeiten/esg-daten-monitor-2026-banken-bewerten-kmu-meist-nach-branchenwerten/ Methodik: 154 befragte Fachleute, Erhebung Juli bis September 2026; mehrere Personen können demselben Institut angehören. Die Prozentwerte beziehen sich auf Befragte. Keine Panelerhebung.
[3] Olaf Sleijpen: Climate Change: The Economic Reality We Can No Longer Ignore, PDF-Seiten 1–3. Kamil Liberadzki: A perspective from the European banking regulator on sustainable finance, Vortrag vom 1. Oktober 2026, PDF-Seiten 3, 6 und 9.
[4] Iliriana Shala und Benno Schumacher: The impact of natural disasters on banks’ impairment flow – Evidence from Germany, Deutsche Bundesbank Discussion Paper Nr. 36/2022, nichttechnische Zusammenfassung, PDF-Seiten 3–5. Ergänzende Forschungsquelle außerhalb des Gipfels. https://www.bundesbank.de/resource/blob/897518/857e08536845c44e9be05ac6b6412b24/mL/2022-09-27-dkp-36-data.pdf
[5] Adam Pradela: Nachhaltigkeitsstrategie übersetzt in operative Steuerung, Vortrag vom 1. Oktober 2026, PDF-Seiten 8–12. Charlotte Stange: Unternehmensresilienz & Nachhaltigkeit, PDF-Seiten 3–8.
[6] Jakob Kunzlmann und Manuel Reppmann: Sustainability Transformation Monitor, Vortrag vom 2. Oktober 2026, PDF-Seiten 11 und 20–24. Die Präsentation verbindet einen Rückblick auf STM26 mit ersten Einblicken in STM27; die hier zitierte Umsetzungslücke steht im Abschnitt zu STM26.
[7] Daniel Imhäuser: Wer linear baut, baut zu teuer, PDF-Seiten 22–23.
[8] Alexander F. Wagner: Is Nature Priced? Evidence from Firms and Financial Markets, Vortrag vom 1. Oktober 2026, PDF-Seiten 4 und 15. Jana Lessenich: A Global Perspective on Nature Protection, PDF-Seiten 5–9. Felix Gaschick und Julian Salg: Nature Finance – Ansätze aus Frankfurt, PDF-Seiten 4–6 und 8–10.
[9] Sebastian Fritz-Morgenthal: Agentische KI in Risk Compliance & ESG, PDF-Seiten 4–8. Veronika Pountcheva: The global baseline of sustainability disclosure: facts, trends, and the road ahead, Vortrag vom 1. Oktober 2026, PDF-Seite 6.
Nächster Schritt
ESG-Daten für das nächste Finanzierungsgespräch vorbereiten
Sie möchten vorhandene Nachhaltigkeitsdaten besser nutzen oder klären, welche Nachweise Ihre Bank benötigt? Wir unterstützen Sie dabei, Datenlücken zu erkennen und die nächsten Schritte festzulegen. Auch regionale Finanzinstitute begleiten wir bei der Bewertung ihrer Firmenkunden.
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